Am 22. März 1895 projizierten die Besitzer der Lumière-Werke, die Brüder Lumière, im Salon Indien du Grand Café in Paris zum ersten Mal bewegte Bilder, die Fabrikarbeiter*innen beim Verlassen der Fabrik zeigten. Die Zeug*innen dieses neuen Spektakels: Fördernde und Freund*innen der Lumières, die Bourgeoisie der französischenGesellschaft. Die Geschichte hat diesen Moment als die Geburtsstunde des Kinos bezeichnet. Aber was dort tatsächlich stattfand, war die Konfrontation der Objekte des Films – der Arbeiter*innen – mit den Subjekten des Kinos – den Geldgeber*innen, die Konfrontation der unteren sozialen Schicht mit der oberen und den Reichen. Arbeiter verlassen die Fabrik! Subjekt und Objekt, Zuschauer*in und Schauspieler*in tauschen ihre Positionen. Die Arbeiter (wie Georges Didi-Huberman es formuliert hat) „wandelten ihren figurativen Status“ in aktive Elemente um. Sie waren keine Statisten mehr, sondern die Hauptakteure. Die Filme in diesemProgramm wurden in Anlehnung an das oben genannte Ereignis programmiert. In den vier Filmen dieses Programms verschieben sich die Kategorien: die Genres verschmelzen, das Publikum bewegtsich. Die Zuschauer*innen werden Akteur*innen, sie werden Zeug*innen. Die Grenze zwischen vor und hinter der Kamera verschwindet, das binäre System von innen und außen wird bedeutungslos. (Azin Feizabadi) TW: Dieses Programm enthält explizite Darstellung oder Erwähnung körperlicher,seelischer oder sexualisierter Gewalt.
Dem thailändischen Aberglaube zufolge kann eine Jungfrau den Regen abwenden, indem sie Zitronengras unter freiem Himmel kopfüber einpflanzt. Bis heute besteht dieser Glaube. Mit dem Aufziehen der Wolken wird eine junge Produktionsleiterin an einem Filmset damit beauftragt der Tradition Folge zu leisten. Da sich ihre Kolleginnen vor der Pflicht drücken, bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Bürde, die dem Zitronengras- Mädchen zuteilwird, auf sich zu nehmen.… >>>
HONEYMOON spielt auf einer fiktiven Mondbasis in Nagasaki und ist die Auseinandersetzung des japanischen Regisseurs Yu Araki mit dem Japonismus. Er fasst die Hochzeitsszene aus Madame Butterfly (Carmine Gallone, 1954) auf, in der B.F. Pinkerton in Seiza (正座) – im Japanischen die Begrifflichkeit für die korrekte, formale Art, kniend mit unter den Oberschenkeln gewinkelten Schenkeln zu sitzen – sitzt und interpretiert sie neu. Obwohl der Seiza-Stil weithin als „korrekt“ bekannt ist, hat er sich erst nach der Öffnung Japans für das Abendland durchgesetzt. Das heißt, nachdem sich die Kultur des „Stuhls“ durchgesetzt hatte, so dass die Förmlichkeit dessen, was die Japaner*innen für geschichtsträchtig hielten, nur ein modernes, willkürliches Konstrukt war. Inspiriert von dieser historischen Tatsache verbindet Araki das Seiza mit einem anderen Element, um die Willkür der Menschheit zu betrachten: die Konstellation, die in der japanischen Sprache übrigens ein Homonym des Seiza (星座) ist. Darüber hinaus ist der bereits erwähnte Film Madame Butterfly bekannt als eines der ikonischsten Kollaborationen zwischen Japan und Italien. Der japanischen Produktionsseite war damals sehr daran gelegen, die verkorkste Darstellung japanischer Symbolik zu „korrigieren“, was ihnen auch gelang. Allerdings geht Araki ebenfalls kritisch auf die Frage ein, was es denn bedeutet, eine andere Kultur „richtig“ zu verstehen.… >>>
TW: Dieses Programm enthält explizite Darstellung oder Erwähnung körperlicher, seelischer oder sexualisierter Gewalt. Ich dokumentiere meine Zeit mit einem abgehalfterten, korrupten Polizisten und seinen zwei Lakaien in dieser selbstreflexiven Neuinterpretation einer Polizeidokumentation. Nach dem Tod beider meiner Großväter kehrte ich mit der Idee zurück nach „Jalandhar“, wo dieser Film spielt und ich ebenfalls geboren wurde, einen Film über die Versuchungen als Gesetzeshüter im modernen Indien zu drehen. Sehr schnell übermannte mich jedoch eine überwältigende Trauer. Dann traf es mich: Eine Dokumentation kann über viele Dinge sein, aber kann sie auch Gefühle behandeln? Kann sie die unvorstellbare und abstrakte Beschaffenheit der Trauer darstellen? Während ich jene Gedanken reflektierte und gleichzeitig Filmmaterial über die Punjab-Polizei sammelte, kam es mir nur angebracht vor, mich selbst und meine Familie in diese Dynamik aus Grausamkeit und Ausbeutung einzuspeisen.… >>>
Video, Ton, Text. Seminarraum, Stichpunkte. Erzähler, Gesten, QR-Code. Distanzieren von weißer Schuld, Unwohlsein. Todesskalen, veraltet sein. Rauszoomen, rein, raus (niemand ist pur, die Widersprüche beim Streben nach einer Ethik der Praxis sind unüberwindbar) Großer Fall. Schrei.… >>>